RE-EXPLORE / RE-WRITE II 

16.02. – 27.03.2022

 

Eunyoung Bae, Marie David, Vesna Hetzel, Janosch Müller, Sophie Rebentisch, Julia Schmutz, Veronika Schneider, Julia Helene Scholl 

 

Mittwoch, 16. Februar: Soft Opening 12:00 – 17:00

Führungen mit den Künstler*innen: 14:30 und 16:00

Digitale Eröffnung: 18:30

 

In öffentlichen Sammlungen, Archiven und Museen werden politische Perspektiven (re-)konstruiert und geformt, um Strukturen und Inhalte für die Vermittlung von Geschichte bereitzustellen. Dabei entstand über Generationen ein eurozentrischer Wissenskanon, der von Studierenden der ABK Stuttgart in einer Ausstellung kritisch und künstlerisch befragt wird. In künstlerischen Forschungsprozessen setzten sich die Studierenden im Sommer- und Wintersemester 2021/22 mit ausgewählten (virtuellen) Sammlungskonvoluten und den Räumlichkeiten des Linden-Museums in Anknüpfung an das LindenLAB auseinander. In dieser Ausstellung sind ihre künstlerischen Arbeiten als neue Ansätze und Perspektiven für die Vermittlung von Geschichte und Gegenwart im musealen Kontext präsentiert.

 

RE-EXPLORE / RE-WRITE II ist ein Seminar und eine Ausstellung des Fachs Intermediales Gestalten, Staatliche Akademie Der Bildenden Künste Stuttgart, unter der Leitung von Professorin Antonia Low und der Künstlerin Luise Schröder, in enger Zusammenarbeit mit ­Henrike Hoffmann, Projektkoordinatorin des LindenLAB im Linden-Museum.

 

Künstler*innen führen durch die Ausstellung am 16. Februar um 14:30 und 16:00.

 

Öffnungszeiten:

Di – Sa, 10 – 17 Uhr

So und feiertags: 10 – 18 Uhr

Linden-Museum Stuttgart

Hegelplatz 1 

70174 Stuttgart

Eunyoung Bae

Dualität

2022

Videoinstallation im japanischen Steingarten

ca. 8 min 

Eines Tages fand ich in einer Buchhandlung zufällig ein interessantes Fotobuch. Der Titel des Buches lautet Gunkanjima und das Buch ist das Ergebnis eines zwischen 2008 und 2012 durchgeführten Fotoprojekts der französischen Fotografen Marchand & Meffre über die japanischen Insel Hashima, die seit 1974 unbewohnt ist.

Gegen Ende der japanischen Kolonialzeit wurden ca. 700-1000 koreanische und chinesische Grubenarbeiter auf dieser Insel zwangsrekrutiert.

2001 übergab die Firma Mitsubishi Materials den Besitz der Insel der Stadt Nagasaki. 2015 wurde die Insel nach jahrelangem Bemühen Japans zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Warum ist die institutionelle Anerkennung des UNESCO-Welterbes für Japan wichtig? Und welche Rolle spielten die Bilder im Fotobuch für die Anerkennung als UNESCO-Welterbe? Welche Wirklichkeiten produzieren Bilder?

Marie David

Reflect what you are, in case you don't  know

2022                        

Metallplatten, 50 x 30 cm

                        

In der Dauerausstellung befinden sich positionierte Metallplatten, in denen sich Besucher*innenkörper spiegelnd mit der Körperlichkeit der Objekte verschränken.

Die temporäre Realität eines Spiegelbilds korrespondiert durch ihre Verzerrung und Verschmelzung einen Augenblick lang mit der Museumssammlung. Das fleckige, verzerrte Spiegelbild ist die verklärte Wahrnehmung und der absurde, passiv-aggressive Umgang unserer Gesellschaft mit ihrer Kolonialgeschichte umzugehen.

                        

Die Künstlerin stellt sich die Frage: Wer hat hier wen hergebracht? Wer stellt hier wen zur Schau? Passen das Objekt in der Vitrine und ich zusammen? Auf welcher Seite der Vitrine stehe ich? Was machen die körperlichen Überschneidungen mit mir? Welche Rolle spiele ich im Museum? Wie fühlt es sich an exhibitioniert zu werden? Kann ich Empathie auch für ein Objekt empfinden? Was erzählt es mir?

Janosch Müller

Schwer zu tragen. 

2022

In situ, Installation, arrangierte Papierdrucke
Größe variabel

 

Spuren von Geschichte sind allgegenwärtig, doch häufig werden sie nicht kontextualisiert.

Was passiert, wenn man Denkmäler mit schwierigem geschichtlichem Hintergrund,
an Selbstabholer*innen als "zu verschenken" anbietet?

Im Namen der fiktiven Initiative "bewusste Stadt" werden drei Stuttgarter Denkmäler der Kolonialzeit auf verschiedenen Kleinanzeigenportalen angeboten. 

Der kritische Hintergrund der jeweiligen Objekte wird auf einer externen Homepage der Initiative vorgestellt.  

Wer meldet sich, mit welcher Emotion und welchem Anliegen? 

 

Nutzer*innenverhalten und Algorithmen gestalten den Verlauf des Projekts. 
 

Zwischen der Ausstellung Schwieriges Erbe und den angebotenen Objekten lassen sich direkte Bezüge herstellen.

Vesna Hetzel,

Ich sehe was, das du nicht bist, und das ist

2022 

Video: HD, 16:9, 10 min.

Objekt: Draht, Gipsbinden, Papiermache, Sprühlack, Paraffin,

100 x 75 cm 

Ausgangspunkt des Kurzfilms ist die Rekonstruktion eines Fotos, das für die Dokumentation der ethnologischen Objekte im Fotostudio des Linden-Museums entstanden ist. Der Film entwickelt ausgehend von diesem Foto ein spekulatives Szenario, in dem das frei erfundene Objekt sich materialisiert und verselbstständigt. Dabei werden nicht nur Momente der Inszenierung gezeigt, sondern auch deren Konstruktion. So legt der Film z.B. Szenen des Umbaus im Fotostudio als Teil der Gesamtchoreographie gleichberechtigt offen. Der ursprüngliche Bildausschnitt wird um den Kontext erweitert. Wie wird Objektivität produziert? Wie inszeniert ist das dokumentarische Moment? 

Julia Schmutz,

Achtung Lücke - Mind the gap

2022

In situ, Installation

Größe variabel

 

Bei der Digitalisierung der Dias der Stuttgarter Badakhshan-Expedition (1962/63) hat sich im Abgleich mit den dazugehörigen Karteikarten herausgestellt, dass Dias fehlen. Übrig bleiben die Karteikarten mit ihren Beschreibungen – und Zuschreibungen – als Hinweis auf die Existenz der Bilder. Neben Spekulationen über den Verbleib der Karten bietet die Leerstelle, die sie markieren, aber auch die Möglichkeit zu Gespräch und Austausch:

Wer sind die Menschen, die mit dem Karteikasten heute in Verbindung stehen? Welche Themen treiben sie um? Welche anderen Lesarten und Bilder können im gemeinsamen Austausch gefunden werden?

 

An einer Wand im LindenLAB wächst über den Ausstellungszeitraum eine Mindmap aus Gesprächsnotizen, Querverweisen und Bildideen, Notizen, Post-its, Ausdrucken … Spuren des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Gesprächspartner*innen finden hier Raum, um gesehen, weitergedacht und weitergetragen zu werden.

 

Abbildung: Detail einer Karteikarte zu einem fehlenden Dia, Fotograf: Friedrich Kussmaul, Linden-Museum Stuttgart.

Sophie Rebentisch

Inszenierung

2022

Installation/Fotografien auf Papier, Text

Papiere: 29,7x42cm (A3)


In Nachbarschaft zu den Exponaten der Dauerausstellung befinden sich Fotografien auf Papier. Bei diesen Fotografien handelt es sich um Abbildungen von Requisiten aus dem Fundus der Wuppertaler Bühnen. Diese Requisiten sind Gegenstände, die benutzt werden, um Kulturen zu symbolisieren. Die Fotografien integrieren sich in die Ausstellungsarchitektur befinden sich auf Vitrinen, auf Vorhängen und an Wänden. Darüber hinaus gibt es einen Text, der den Museumsraum im Hinblick auf (post-/de-)koloniale Fragestellungen behandelt, die Reproduktion kultureller Klischees innerhalb musealer Inszenierungen beleuchtet und die eigene Position hinterfragt. Diesen Text können sich die Besucher*innen mitnehmen.

Veronika Schneider,

shapes live forever

2022

assemblierte Skulpturen im Kontext der Südasien-Dauerausstellung,

Publikation mit Fotografien

variable Größen

 

shapes live forever überträgt Fragen, die sich das Linden-Museum als kulturelle Institution stellt auf eine private Familiensammlung. Eine Großtante und ein Großonkel reisten und sammelten ihr Leben lang. Besonders aus Nepal brachten sie in den 70er-Jahren Objekte mit. Aber auch gefundene Steine und Treibholz wurden Teil ihrer Sammlung. In den Skulpturen werden gesammelte Objekte zusammengefügt und begegnen den Objekten der Südasiensammlung des Linden-Museums. In Formen und Materialien sind Erinnerungen und Geschichten gespeichert. Aber warum sammeln wir und was? Wie gehen wir mit dem Erbe um? Wann wird etwas jemandem eigen? Assemblagen aus Wissen und Nicht-Wissen.

Julia Helene Scholl

facing

2022

Mantel aus Baumwollstoff, Siebdruck

130 x 208 cm

In der Beschäftigung mit dem Museum als Ort des Sammelns und der Konstruktion von Vergangenheit und Geschichten, rückt das Kleidungsstück in den Fokus der Arbeit facing. Es fungiert als Träger von Information und wird zugleich als Alltagsgegenstand zum Dokument und Beweis einer Existenz. Auf einen übergroßen Mantel aus robustem Baumwollstoff sind in schwarzer Farbe drei Motive gedruckt: das Foto eines Mannes neben einer Mauer stehend, das zweier Kinder in einer Pappkiste sitzend und der Scan eines Zeitungsartikels. An einigen Stellen überschneiden die Bilder sich und durch ihre Anordnung, sowie die Webbindung des Stoffs, entstehen neue Strukturen und Muster – analog zu Erinnerungen und Geschichten, die sich verändern, neue Formen annehmen und sich überlagern.